Wie wird man zur rabbinischen Autorit?t aller Juden? Der Konstantinopolitaner Elijah Mizrahi (um 1450-1526) und die sephardische Immigration.

Auf einen Blick

Laufzeit
10/2023  – 09/2026
DFG-Fachsystematik

Mittelalterliche Geschichte

Geistes- und Sozialwissenschaften

F?rderung durch

DFG Eigene Stelle (Sachbeihilfe) DFG Eigene Stelle (Sachbeihilfe)

Projektbeschreibung

Ziel des Projekts ist eine mikrohistorische Studie, die sich der Frage widmet, ob und wie man zur rabbinischen Autorit?t aller Juden in einem spezifischen historischen Kontext wird. Diese Frage ist mit Blick auf die Zeit um 1500 besonders relevant, als mit den Vertreibungen der jüdischen Bev?lkerung, die ihren H?hepunkt mit den Ausweisungen von der Iberischen Halbinsel in den Jahren 1492–1498 erreichten, bisherige jüdische Siedlungsstrukturen gewaltsam aufgebrochen wurden. Tausende von Geflüchteten fanden Zuflucht in Regionen, in denen sie, wie im Osmanischen Reich, auf verschiedene einheimische jüdische Bev?lkerungen und deren lokale Autorit?ten trafen.
Vor diesem Hintergrund wird in fünf Fallstudien das strategische Wirken des Konstantinopolitaners Elijah Mizra?i (c. 1450–1526) in den intra-jüdischen Aushandlungsprozessen zwischen den Autorit?ten der einheimischen Romaniot*innen und zugewanderten Sephard*innen analysiert. Wie in einer Momentaufnahme kristallisieren sich hier die partiell divergierenden Traditionen und Intentionen der entscheidenden Akteure im Judentum an der Wende zum 16. Jahrhundert.
Im Zentrum des kultur- und sozialgeschichtlich ausgerichteten Projekts stehen dabei die rund 110 überlieferten Rechtsgutachten (Responsen) Mizra?is. Ihre exemplarische Analyse zielt zum einen darauf, soziale Beziehungsnetze und Handlungszusammenh?nge über die Person des Gelehrten zu erschlie?en. Dies ist zum anderen mit einer soziologischen Lesart der Responsen verbunden. In Abgrenzung von einem textimmanenten Verst?ndnis der Schriften wird davon ausgegangen, dass extra-halachische ?berlegungen die dokumentierten Entscheidungen ma?geblich beeinflussten. Die Fokussierung auf Mizra?i als historischer Akteur und Rechtsgelehrter, der kontextspezifisch seine Entscheidungen trifft, wird es erm?glichen, seine Strategien zu rekonstruieren und M?glichkeiten und Grenzen seiner politischen Agenda angesichts einer heterogenen jüdischen Bev?lkerung zu eruieren.
Auf diese Weise tr?gt die Untersuchung wesentlich zu einem Verst?ndnis des Funktionierens rabbinischer Autorit?t bei. Sie erm?glicht neue Einsichten in die Art und Weise, Umst?nde und Faktoren, wie verschiedene jüdische Gruppen an der Wende zur Neuzeit lokal (inter)agierten und sich mittelfristig in neuen Formen konstituierten. In Frage gestellt werden Forschungsannahmen einer scheinbar reibungslosen ,Sephardisierung‘ der lokalen jüdischen Bev?lkerungen des Osmanischen Reichs unter dem Einfluss der iberischen Immigrant*innen. Ziel ist ein grundlegend neues Verst?ndnis intra-jüdischer beziehungsweise intra-religi?ser Beziehungen und Dynamiken.
Die Ergebnisse des Projekts werden in einer englischsprachigen Monographie publiziert.

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